Die Haut des Marsyas

187

Vor drei Jahren starteten wir die Anansi Chronicles mit einem Artikel über den griechischen Gott Zeus. Wie er sich so als Tattoo-Motiv macht, und was er als Figur bedeutet. Seitdem ist viel passiert. Zahlreiche Artikel folgten und beleuchteten jede noch so kleinste Facette der Tattoo-Welt, manchmal philosophisch, machmal lustig, zuweilen erotisch und natürlich immer mit dem Blick auf Ideen für neue Motive.

Die griechische Sagenwelt eignet sich mit ihrer Menge an Protagonisten sehr gut, um ein Motiv für das nächste Tattoo zu finden. Da gibt es die Göttin Aphrodite, die für die erotische Liebe zuständig ist, den Götterboten Hermes, der so eine Art Informationsminister der Himmelswelt ist, der tragische Held Orpheus und viele mehr.

In den antiken Erzählungen geht es aber auch um viel Haut, und damit sind wir schon ziemlich nahe am Tattoo-Geschehen. Zum Beispiel bei dem Aufeinandertreffen der zwei Streithähne Marsyas und Apollo spielt die Haut eine wesentliche Rolle. So wesentlich, dass sie dem einen, Marsyas, gegen Ende sogar abgezogen wird. Marsyas ist ein Satyr aus dem Wald, der sich mit der Lichtgestalt Apollo messen will. Apollo ist ein bisschen so wie der „Homelander“ in der Amazon Serie „The Boys“. Ein Superheld, der vieles will, aber nicht immer die besten Dinge.

Doch wie ist nun die Geschichte: Satyr Marsyas gibt vor, er könne mit seiner Flöte viel schönere und bessere Musik erzeugen und spielen als Apollo. Im Wettstreit zwischen Marsyas und Apoll kämpfen zwei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen ambitionierte Gegner mit zwei verschiedenen Waffen, der Flöte und die Kithara (ein früher Prototyp der „Gitarre“) Als Jury des antiken „Griechenland sucht den Superstar“ setzen sie die Musen ein. Diese sollten das musikalische Spiel der Duellisten beurteilen und anschließend den Sieger bekannt geben.

Marsyas fordert nichts weniger als den Meister der Leier und Gott der Weisheit, Apoll, zum musikalischen Wettstreit auf. Apollo willigt in das Spiel ein, unter der Bedingung, dass der Gewinner mit dem Verlierer tun dürfe, was er wolle.

Und so fängt der Satyr auf seiner Flöte an zu spielen, und macht das auch gar nicht schlecht. Apollo ist schon gereizt, als er merkt, dass Marsyas die Musen immer mehr auf seine Seite zieht. Als der Gott an der Reihe ist, zieht er alle Register. Mit seiner Gitarre spielt er einen Van Halen Riff nach dem anderen. Und da er, im Gegensatz zu dem Satyrn, der ja nur die Flöte blasen kann, noch die Stimme frei hat, setzt er diese begleitend zu seiner Musik ein. Das imponiert allen Zuhörern. Auf diese Weise siegt Apollo. Der Gott, der immer der „Größte“ sein will. Seine Bestrafung fällt auch „groß“ aus: Er hängte den Rivalen für seine Anmaßung mit den Bocksfüßen nach oben an einer Fichte auf und häutete ihn bei lebendigem Leib.

Es ist die Ästhetik des Schmerzes, die hier so früh in der geschriebenen Bücher-Welt dargestellt wird. Dass wir uns mit der Kunst immer mit dem Göttlichen messen, dass die Kunst uns ALLES abverlangt. Bis hin zu den größten Schmerzen. Und bis heute „schreiben“ wir unserer Haut Bilder und Geschichten ein, die uns besonders bewegen. Unsere Tattoos erzählen davon. Bis heute wirken die Geschichten, Bilder und Motive am Stärksten, die vom eigenen Leiden und Lieben erzählen, von Benachteiligung, von Schmerz, Wachstum und Veränderung.

All das macht Körperlichkeit und Sinnlichkeit aus. Die Haut ist unsere „magische“Oberfläche. Und sie ist zugleich immer eine „zweite Haut“, die wir mit unseren Tattoos verzieren.

Als Redensart interessant ist die Aussage „da könnte ich aus der Haut fahren“ als ein Ausdruck für einen nicht auszuhaltenden Zustand sinnlicher Erregung.

Der Marsyas-Mythos dient bis heute als Parabel über das Verhältnis von Schönem und Hässlichem, Ohnmacht und Macht.

Damals wie heute wird Haut als Sinnbild für Leben gesehen:

Drop in, Turn on, Tune out