Face Tats – Das Gesicht – freie Zone?

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Gesichtstattoos – Gesichtstheater?

Warnung 🙂 : Dieser Artikel propagiert weder Gesichtstattoos, noch ist er gegen sie; (lediglich, dass ein jeder, der solch einen Schritt wagt, diesen sehr gut bedenken sollte.)

Sind Gesichtstattoos der Tattoo-Trend von morgen? Gesichtstattoos, genannt „Face Tats“, sollen ein modisches Accessoire auf der Haut sein, das jetzt wieder Aufmerksamkeit bekommt –  und, wie früher die normalen Tattoos, auch wieder zu schockieren vermag. Gesichtstattoos, als sowas wie die letzten „echten“ Tattoos. Aber, das ist die Frage, lohnt es sich, ein Tattoo ins Gesicht stechen zu lassen, wenn man bedenkt, dass es da dann ein Leben lang bleibt? Ist es nicht vielmehr ein Zwang, immer Dinge überschreiten zu müssen? Jedenfalls sind Gesichtstattoos radikal in ihrer Wirkung und sollten gut überlegt sein. Die Blicke sind einem gewiss. Du wirst angestarrt. Hast du ein Gesichtstattoo erwartet dich eine permanente Kommunikation um deine Person. Hast du dein Leben verpfuscht? Was sagt deine Mutter dazu? Was willst du uns damit sagen? Es soll schon Leute gegeben haben, die beim Anblick eines voll tätowierten Gesichts zu weinen anfingen. Manche Andere lachen – als wäre es lächerlich. Zu Recht oder zu Unrecht. Manche machen dir vielleicht Platz auf dem Gehsteig, weil sie deine Entscheidung bewundern. Fakt ist, man muss sich der vielfältigen Reaktionen bewußt sein, bevor man sich für solch einen Schritt entscheidet. Dein Leben gleicht einem Theaterstück. Muss man allen erklären, warum man das Tattoo im Gesicht gemacht hat? Letztlich ist es die Frage, wieviel Platz das Tattoo im Gesicht einnimmt. Und welchen Sinn es verkörpert – und das kann nur der Tätowierte selbst entscheiden. Unter der Rubrik „Sinnlos“ scheinen allerdings einige der Gesichtstattoos, die jüngst in der Musikszene gesichtet wurden.

Schwer einen auf Gangster machen.

Viele Rapper brachten in letzter Zeit ihr Marketing, ihr radikales Image, so auf den Weg – indem sie die Tattoos nicht nur auf ihrem Körper, sondern zusätzlich auf ihrem Gesicht anbrachten.

Die echten Gangster allerdings, die Vorreiter dieses Trends, hatten ganz andere Beweggründe für ihr Gesichtstattoo als die Rapper: sie tätowierten sich für jeden Mord eine Träne ins Gesicht. Eine Selbst-Bestrafung. Irgendwann griffen bestimmte Rapper dies als Zeichen ihrer eigenen Härte auf, und machten es zum Trend – so lange, bis Justin Bieber nun auch mit einem kleinen „Face Tat“ ankam: „grace“, für Freundin im Gesicht. Haltbarkeit? Seitdem kann nicht wirklich mehr von echter „Street Credibility“ gesprochen werden; Pech gehabt. Die Rapper selber verkommen so nun immer mehr zu ihren eigenen Werbemännchen. Sie können bei Bedarf ihr Image nur schwerlich wandeln. Interessanterweise klingen ihre Namen auch nicht sehr individuell:

Lil Wayne, Lil Xan, Lil Skies, Lil Pump und, schon verstorben, der Rapper Lil Peep.

Die große Family of Lil: Auch genannt die „Face Rats“.

Zu unterscheiden sind sie eigentlich nur über die Buchstabenkombinationen, Sterne, Tränen und Tribals in ihren Gesichtern. Es bleibt oberflächlich, nachhaltiges Marketing sieht anders aus. Als dann, wie schon gesagt, Justin Bieber mit einem kleinen Gesichtstattoo ankam, war der Trend der „Face Tats“ offenbar auf einem steilen Sinkflug – oder fängt er erst an? Auch das muss jeder für sich selbst klären.

Das Gesicht – freie Zone?

Das Gesicht ist ja mit seinem vielfältigen Mienenspiel ein Teil des Körpers über den wir kommunizieren, uns identifizieren, und mit dem wir abertausende Dinge ausdrücken. Ein Tattoo, als ein starkes Motiv oder Zeichen im Gesicht, mag dieses Spiel beeinträchtigen, denn es zieht alle Konzentration auf sich. Schlussendlich wird ein Tattoo im Gesicht den Träger auf eine Rolle fixieren, die er dann immer zu bedienen hat… Ob sich das lohnt, muss ein jeder selber entscheiden. Wichtig ist, dass vor solch einem Schritt intensiv mit dem Tattoo-Artist gesprochen wird. Dann nämlich kann geklärt werden, ob ein ein Tattoo nicht vielmehr über seine Kunstfertigkeit glänzen kann und sollte. So, dass es genauso gut auf dem Rücken, auf der Brust, auf dem Arm oder Bein wirkt,… Orte dafür bietet der Körper viele, das Gesicht mag für andere Aufgaben dringender benötigt werden.

Oder wie sollte sich das für die Dame darstellen, die soviel Aufmerksam in den Boulevardmedien „Bild und Co“ bekam, weil sie sich das Gesicht von Justin Bieber auf die Backe tätowieren ließ. Schon wieder Justin Bieber. Der jungen Dame, die nun zweigesichtig daherkommt, ist der Justin nicht nur ans Herz, sondern auch auf die Backe gewachsen. Wehe ihr, sollte ihr imaginärer Lover Justin in ihrer Gunst sinken, dann ist aus einem Bieber nur schwer ein neuer Lover zu machen. Dieses Problem hatte ja auch Florian Silbereisen, der das Problem mit seiner Tattoo-Helene schon kennt. Sie ist ihm auf den Arm tätowiert. Helene Fischer in realo war dann eines Tages weg, das Tattoo blieb natürlich. So kann er es an machen Abenden beweinen. Hätte er seine Helene im Gesicht gehabt, wären seine Tränen ein medienwirksame Veranstaltung, die er so schnell nicht mehr losbekommen hätte. Also Vorsicht wer sich – tattoomäßig – ewig bindet. Und ab jetzt auch: WO er sich bindet. Das mit dem Gesicht überlege sich jeder nicht nur zweimal, sondern am besten so lange, bis der Reiz und Trend der „Face Tats“ eh schon wieder vorbei ist. Manchen Kelch lässt man besser vorübergehen.

Das Radikale des Tätowierens soll sich so lieber am Tattoo selber, an seiner Aussagekraft und seiner Ästhetik, einstellen, und nicht darüber, WO es angebracht ist. Darum, auf zum Tätowierer deiner Wahl, ein Plätzchen für ein Tattoo wird sich schon finden.

(by Julian Bachmann)