Gifte – vom Fluch und Segen der Giftstoffe

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Mal sehen, was uns dieses Jahr bringen wird. Man meint, es könne nur besser werden. Das letzte Jahr war wahrlich vergiftet. Viren flogen durch die Luft und versuchten unseren Organismus zu besiedeln – und zu vergiften. Das tun sie immer noch. Und manchmal schafften sie das, oft mit ungutem Ausgang. Das verursachte Panik in der Bevölkerung. Panik, die sich auch in gespielter Pseudo-Gelassenheit darstellte. Jeder Bürger wurde zum Virologen, mit oft konträrer Ansicht. Egal. Die Gesellschaft war jedenfalls das letzte Jahr „vergiftet“. Und ist es immer noch.

Wir befinden uns mittendrin. Aktuell wird „durch-geimpft“. In der Impfung gelangen körperfeindliche Stoffe in unseren Organismus. Der Impfstoff dringt in uns ein, aktiviert und verändert unser Immunsystem. Dieses kann dann, hoffentlich mit positivem Ausgang, gegen die inneren Viren-Feinde ankämpfen. Ein Giftstoff  kann also negative, wie positive Auswirkungen haben. Ausgemacht ist da noch nichts.

Klassisch gesehen sind Gifte so definiert, dass sie…

„…Lebewesen über ihre Stoffwechselvorgänge, durch Eindringen in den Organismus ab einer bestimmten, geringen Dosis einen Schaden zufügen können.“ (Wikipedia)

Es also die Dosis, die darüber entscheidet, ob ein Stoff als Gift bezeichnet wird oder nicht. Ebenderselbe Stoff kann Gift oder Heilmittel, Genussmittel oder sonst was sein.

Sehen wir uns ein Beispiel an. Die Tollkirsche.

Atropa Belladonna L. ist eine mehrjährige Staude aus der Familie der Nachtschattengewächse, die man auf lichten Stellen unserer Wälder antrifft. Die Früchte sind violett-schwarze, glänzende fleischige Beeren, die einer Kirsche ähneln. Der Begriff Toll verweist auf die toxische Eigenschaft der Frucht, die sich mit Toll-, also Wildheit und Tobsucht zeigt. Wobei Toll – Toll sein- , im alten Sprachgebrauch auch „berauscht sein“ bedeutet: 

Besondere Beliebtheit erfuhr sie im Mittelalter aufgrund ihrer halluzinogenen Wirkungen als Rauschdroge. Beispielsweise war sie Bestandteil obskurer Hexensalben und -getränke, mit denen die Anwender in Ekstasen versetzt wurden (z. B. erotische Träume, Hexenflug, Tierverwandlungen). Giovanni Battista della Porta (ca. 1535 – 1615) schreibt in seinem Werk über die „Natürliche Magie“, daß man sich mit „Tollkirsche“  in einen Vogel, Fisch oder eine Gans – das heilige Opfertier für Wotan/Odin zur Wintersonnenwende – verwandeln und dadurch viel Spaß haben kann.

Aber Vorsicht: Bei Überdosierung kann es übel enden. Ohne ärztliche Gegenmaßnahmen (z. B. Magenspülung, Gabe von Aktivkohle und Glaubersalz, künstliche Atmung, Physostigmin als Antidot) kann der Tod durch Koma und Atemlähmung eintreten.

Oft wird es so beschrieben, dass Drogen als Zwitterwesen gelten. Sie besitzen einen „janusköpfigen Charakter“. Als Rausch- und als Arzneimittel. Einerseits sind sie durch den hedonistischen Gebrauch und die zerstörerische Wirkung in Verruf geraten, andererseits sind ihnen eine Vielzahl hochwirksamer Arzneimittel zu verdanken. Ich möchte hinzufügen, Hedonismus muss nicht zerstörerisch sein. Lust ohne Reue ist immer gut. Auch hier ist die Dosis entscheidend. 

Der Saft der Tollkirsche kann also beides. Erotik und Tod. Besser man entscheidet sich für die erste Variante. Und vielleicht ist es besser, den Saft der Tollkirsche durch die Tinte der Tätowierung zu ersetzen. Auch die Tinte für eine Tätowierung dringt unter die Haut, und erzeugt sichtlich Effekte. Positive. Man kann sich „Verwandeln“, die Lust am Körper steigern“, Phantasievolle Ästhetiken schaffen, und mit sich und der Welt ins Reine kommen. Solch eine „Droge“ mag wunderbar sein. Wohldosiert, kontrolliert eingesetzt, und trotzdem magisch. Als Symbol dafür dient die „Poisen Bottle“ – als Tätowierung.

„Poison bottle-tattoos“ sind sehr auffällig und beeindruckend. Oft kombiniert mit dem Totenkopf. Die Giftflaschen sind oft im Stil des 19. Jahrhunderts gehalten. Denn damals waren Gifte umso mehr auch als Heilmittel in Gebrauch. Altes Wissen, das heutzutage zurecht in Verruf geraten ist. Die Assoziation der Giftflasche ist so nicht der Tod, sondern die magische Wirkung von Leben, das den Tod nicht ausschließt, sondern integriert.