Kolumne: Gedenk-Tattoos

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Gedenk-Tattoos – nicht immer eine gute Idee

Um die Erinnerung an einen geliebten Menschen zu bewahren, wählen viele ein Tattoo als eine Form des Gedenkens. Solche Tätowierungen können unterschiedlichster Art sein; es kann einfach ein Datum sein, manchmal ist es ein Porträt und manchmal wird in einem Tattoo auch einfach eine bestimmte Sache dargestellt, die dem Verstorbenen besonders wichtig war. Im Falle von Kindern, die zu früh verstorben sind, lassen sich Eltern teilweise auch eine Kinderzeichnung als Tattoo stechen. 

Solche Gedenk-Tattoos können eine schöne Möglichkeit sein, sich der verstorbenen Person weiterhin verbunden zu fühlen, sie auf eine gewisse Weise stets bei sich zu haben und ihr nah zu sein.

 

Dennoch sollte man sich gerade so eine Art von Tattoo sehr gut überlegen. 

Zunächst würde man denken, dass man diese Art von Tätowierung doch sicher nie bereuen wird, da sich das liebevolle Gedenken an die verstorbene Person ja sicher niemals ändern wird – anders als vielleicht bei einer Liebesbeziehung, die möglicherweise weniger Bestand hat, als beide Partner sich zum Zeitpunkt eines Partner-Tattoos erhofft hatten. 

Dennoch kann solch ein Tattoo für den Träger belastender werden, als er es im Vorfeld für möglich gehalten hätte. Dabei kann es einen großen Unterschied machen, wem man mit so einem Tattoo gedenkt und wie wo man sich innerhalb des Trauerprozesses befindet.

Wenn es darum geht, sich seiner Großeltern, die vor einigen Jahren verstarben, nachdem sie ein erfülltes Leben gelebt haben, mit einen schönen Porträt-Tattoo zu erinnern, dann ist das eine schöne Sache, die den oben beschriebenen Zweck des liebevollen Gedenkens sicher gut erfüllt.

Doch ganz anders kann es aussehen, wenn es beispielsweise um das eigene Kind geht, das an einer Erkrankung verstorben ist, oder um den Partner, der durch einen Unfall plötzlich aus dem Leben gerissen wurde. Natürlich kann gerade hier das Bedürfnis, etwas Verbindendes immer bei sich zu haben, besonders stark und ausgeprägt sein. Doch wenn die Trauerarbeit noch nicht abgeschlossen ist und der Hinterbliebene mit dem Schmerz, den der Todesfall verursacht, noch nicht umgehen kann, dann kann dieser durch das Tattoo ständig sichtbar gemachte Verlust zu einer zusätzlichen emotionalen Belastung werden, anstatt zu trösten. Wer täglich die Kinderzeichnung seines verstorbenen Kindes auf der eigenen Haut sieht, vielleicht auch noch von Außenstehenden darauf angesprochen wird, den Verlust aber noch nicht wirklich verarbeitet hat, der kann diese Konfrontation mit der noch nicht bewältigten Trauer als äußerst schmerzhaft und qualvoll erleben. 

Und dies kann wiederum in ein neues Dilemma führen – denn natürlich gäbe es die Möglichkeit, das Tattoo, das sich als zu schmerzhaft und belastend erweist, weg-lasern zu lassen, doch das würde sich ja dem Verstorbenen gegenüber fast wie Verrat anfühlen, so als würde man mit dem Tattoo auch das Gedenken auslöschen. Und so kann ein unbedacht oder zu früh gewähltes Gedenk-Tattoo den Träger gleich zweifach belasten.

Daher sollte man sich gerade bei dieser Art von Tattoo fragen, ob man der verstorbenen Person mit froher Erinnerung gedenkt oder ob der Verlust immer noch als schmerzhaft empfunden wird. Im zweiten Falle ist ein Tattoo zum Gedenken wahrscheinlich eher nicht geeignet und es sollten Formen des Andenkens gewählt werden, bei denen man nicht ständig mit diesem Verlust konfrontiert wird.

Text: Dirk-Boris Rödel / Grafik: Jonas Bachmann