Maradona – A beautiful Mind – Genie und Wahnsinn

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Maradona – A beautiful Mind – Genie und Wahnsinn

I.

Die Welt hat, geschichtlich gesehen, viele Genies geboren: Sokrates, Leonardo da Vinci, Goethe und vielleicht auch Franz Beckenbauer. Donald J. Trump kommt ebenso in den Pantheon der absoluten Geistesgrößen, zumindest wenn es nach ihm geht. Der US-Präsident hat sich, absolut reflektiert, selbst zum Genie erklärt. 2018 war das. Aktuell muss Trump seine Wahlniederlage eingestehen. Er verkauft sie uns als „gemeine Verschwörung“. Billiges Ziegengeblök! Apropos Ziege. Die Genies dieser Welt, all diese besonderen Männer und Frauen, nennt man:

THE GOAT – Greatest of all time.

Kürzlich verließ uns einer dieser Großen, Diego Maradona. Er starb am 25. November. Er sei an einem Herzinfarkt gestorben, sagt sein Sprecher. Bei Maradona blieb vieles mysteriös. Der Fußballer wird als Genie bezeichnet. Keiner würde dies bestreiten, wenn er sich Diego Maradonas Sololauf bei der WM 1986 in Mexiko, Viertelfinale gegen England, ansieht. Der krönende Abschluss ist das Tor des Jahrhunderts. Jeder kennt es. Jeder sehnt sich danach, wieder eine solche Aktion im Fußball bewundern zu können.

Zu einem Genie gehört dessen Einzigartigkeit. Diese sondert ihn aber auch ein wenig von den übrigen Menschen ab, allein auf weiter Flur macht „weird“. Der Weirdo ist eine Figur, die dem Genie sehr Nahe steht. Engelchen und Teufelchen – nicht immer trifft das Genie die richtigen Entscheidungen. Insbesondere für Diego Maradona gilt das.

Auf der einen Seite das „achte Weltwunder“ im Fußball, auf der anderen stehen die langjährigen Drogenexzesse. Unvergessen das Bild, wie der einstmals agilste Mensch der Welt, mit dem Ball, von Ganzkörperarthrose betroffen, humpelnd vor die Kamera trat, sein aufgeschwemmtes Gesicht voller Tränen. Zum in die Arme nehmen! Wir müssen unsere Genies besser retten! Wir brauchen ein Sanatorium für die an Genialität „erkrankten“ Menschen. Sie gaben uns soviel, wieso können wir sie so selten umfassend auffangen? Kurt Cobain war auch so ein Fall.

Als ich in Neapel Philosophie studierte war Maradona allgegenwärtig. In den neapolitanischen Gassen, an all den Kruzifixen und Altären, sind Bilder von Maradona. Im Schoß der Madonna, der kleine Maradona. Das ist religiöse Inbrunst. In Napoli war Maradona ein zu Erde gekommener Gott. Eine Riesen-Bürde. Klar, dass dies für ihn nicht einfach zu er-tragen war. In Neapel wußte jeder, selbst meine Vermieterin Maria Rea, daß Diegos Leben nicht nur auf dem Fußballplatz in die Vollen ging: Kokain und Prostituierte waren für ihn ständig präsent. Der in Neapel die Strippen ziehende Gesangsverein, die Camorra, kümmerte sich leidenschaftlich um ihr Hausidol.

Die Dopingkontrollen wurden manipuliert, die Versorgung von Genussmitteln organisiert, ihm wurde alles abgenommen, was ihn an seiner Genialität hätte hindern können.

Zu Tode geliebt. Drogen und Prostitution sind selten ein Heilmittel. Sie sorgen meist für Verfall. Auch bei Diego Maradona. Nach und nach wurde aus dem fussballerischen „Revolutionär“ eine abgestürzte „Persona non grata“. Die Revolution frisst ihre Kinder.

Diegos Tattoo von Che Guevara bringt es auf den Punkt. Es geht um den Umsturz. Um das dauerhafte „revolutionär sein“. Ein Genie bricht mit den althergebrachten Traditionen, zeigt der Welt neue Dinge und Möglichkeiten auf. Zur Sicherheit tätowierte Diego auch den Umstürzler Fidel Castro auf die linke Wade. Diego ist, bzw. war, „Revolutionär“. Diego zeigte der Welt, was mit einem Ball möglich ist. Nicht nur technisch. Zu diesem Fuß-Ball gehörten auch religiöse Verehrung, Begeisterung, Anbetung und Lebensfreude. Das Che Guevara-Tattoo steht für die durchschlagende Revolution.

II.

THE GOAL: der Moment, in dem der Ball im Netz einschlägt.

THE GOAT: der Moment, in dem der Schütze unsterblich wird.

THE GHOST: der Moment, in dem die Größe des Genies vergeht.

 

 

Oft bleibt nur ein Hauch der ehemaligen Größe.

Ein Tattoo ist das Beste, um erinnert zu werden, was im Leben eigentlich zählt: Für immer tätowiert hat sich Maradona, neben dem Che Guevara, die Namen seiner beiden Töchter, Gianinna und Dalma.

 

Lebe wohl, Diego.

In München bist du unvergessen:

Text: Julian Bachmann
Graphik: Jonas Bachmann