SKIN

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Heidi Bucher im Haus der Kunst in München

 

Das Münchener Haus der Kunst zeigt die Avantgarde Künstlerin Heidi Bucher. Für uns Tattoo-Fans ist die Ausstellung ein Besuch wert, denn: es geht um Haut. Viel Haut! Heidi Bucher bildet mit Latex ganze Innenräume ab, so dass diese in ihrer Fläche, und damit als künstlerische Oberfläche, sichtbar und erfahrbar werden. Für Bucher ist solch ein Latex-Abzug die Haut unserer Lebens- und Alltagswelt.

Für die Schweizer Künstlerin haben auch Räume eine Haut, die sie symbolisch aufgreift und der sie sich künstlerisch annimmt. Entsprechend beschreiben auch Tattoos künstlerisch Räume – geben dem Körper Raum und Ausstrahlung. Tattoos, die unsere Haut sichtbar machen – ein Raum, in dem wir leben, atmen und wirken.

Man lasse sich dieses Zitat von Heidi Bucher auf der Zunge zergehen:

Wir beobachten die Oberfläche und bedecken sie. Wir wickeln ein und packen aus. Das Lebende, die Vergangenheit, verheddert sich in dem Tuch und bleibt dort fixiert. Langsam lockern wir die Gummischichten, die Haut, und ziehen das Gestern ins Heute.“

 

 

Heidi Bucher überzieht einen Wohnraum mit Latex, und löst danach die getrockneten Schichten behutsam von der Wand. Nicht nur die Wände, auch das Mobiliar wurde in dieser Weise behandelt. Heidi Bucher transformiert die unmittelbare Umgebung und Wohnstätte in ein Kunstwerk – in eine Negativform. Das Prozedere der Säuberungsaktionen ist uns nur noch durch Fotografien und Filmdokumente überliefert. Auch mit einem Tattoo machen wir unsere Haut zur Kunst. Mit philosophischem Augenzwinkern: „Wir sind die Subjekte unserer Objekte“.

 

Es geht bei Buchers Körper-Umhüllungen, auch bei den späteren skulpturalen Kokons immer um das Verhältnis von Innen und Außen, um Schutz und Verkleidung und Rückzug und dann um das Sich-Freimachen von Zwängen.

Unsere Tattoos sind existenziell. Unsere Haut ist der Platz, auf dem wir uns ausdrücken.

Räume sind Hüllen, sind Häute”, notierte Heidi Bucher einmal.

 

 

Eine Haut nach der anderen ablösen, ablegen: Das Verdrängte, Vernachlässigte, Verschwundene, (…) Verflochtene, Verwundete.” Und weiter: „Wir hüllen und enthüllen. Das Gelebte, das Vergangene verfängt sich in dem Tuch und bleibt hängen. Wir lösen langsam die Kautschukschichten, die Haut, und ziehen das Gestern ins Heute“.

Ein Credo, das zu ihrem künstlerischen Programm wird. Und ein Credo, das wir immer dann anwenden, wenn wir zum Tätowierer unserer Wahl gehen. (Text: Julian Bachmann / Grafik: Jonas Bachmann)

 

Heidi Bucher. Metamorphosen
Ausstellung:
17.9.21 – 13.2.22 (Haus der Kunst, München)