wild life

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Arme, wilde Tiger

In diesen Tagen erscheint auf Netflix die 2. Staffel „Tiger King“. Lang erwartet, weil echt gut, weil bizarr, weil nichts skurriler ist als das echte Leben. Und nichts ist dämlicher als Menschen mit falscher Selbstwahrnehmung. Zu sehen sind Typen, die sich in Oklahoma wilde Tiger in kleinen Käfigen halten, um diese dann öffentlich vorzuführen. Die Jungs wollen zeigen, was für wilde, tolle Kerle sie selbst sind.

Bleibt ein Problem:

Ein Mensch wird nicht dadurch wild und stark, nur weil er Wildtiere einsperrt. In Wirklichkeit sind diese Leute kleine Würstchen, die auf Groß machen. Diese, in der Serie langsam und bedächtig gefilmten, und deswegen um so peinlicher wirkenden Menschen, sind das Gegenteil von „Wild“.

 

 

In unserer neuen Reihe „Wild Life – Wild Ride“ greifen wir das Thema wildes Leben auf – natürlich unter der Perspektive „Tattoo“. Wir zeigen, dass „Wild“ eine Entscheidung ist, ein bestimmtes Bewusstsein, eine Lebenshaltung, und keine falsche Komödie. Es wird um Rocker gehen, Musiker, Sportler und Pornodarsteller, Feministen, Queer Life, Lehrer und vielen anderen „wilden“ Lebensentwürfen.

Wir starten heute mit einer Annäherung an das Thema.

Der/die /das edle Wilde“

Seit jeher gehört das Tattoo zu einem Leben, das mehr sein will als langweilig und konventionell. Klar, auch ohne Tattoo kann der Cowboy und Cowgirl „wild“ sein, und zugegeben, auch manche Tätowierung ist spießig und out. Aber: ein individuelles, künstlerisches Tattoo bewahrt oft das Besondere in einem Leben. Ein Tattoo kann einen antreiben, das Außergewöhnliche zu suchen. Tattoos symbolisieren Freiheit: die Freiheit des „wilden“ unkonventionellen Lebens.

Das können Motorradgangs sein. Deren Mitglieder haben viele Tattoos. Die durch die Weite der Landschaft pesen, überall und nirgendwo sind, stets schneller als jeder Schatten. Diese starken Kerle, die sich den Wind ins Gesicht pfeifen lassen, und jedem ihre Tattoos zeigen, um sich so von den Blicken der „Allzu-Starren“ abzugrenzen.

 

 

Oder die Grunger der 90er. Auch sie hatten ihre Tattoos. Chris Cornell zum Beispiel hat sich das Datum des Geburtstags seiner Frau tätowiert – ein Statement für die Liebe und für das weibliche Prinzip des Lebens… auch das ist wild und gegen den Strom. Überhaupt, die Stromgitarren des Grunge brachten das unberechenbare Element in den Rock zurück. Cobainism.

Aber das wilde Leben hat zwei Seiten: denn Chris Cornell weilt nicht mehr unter uns. Wie so viele seiner Grunge-Kollegen. Because of suicide or drugs. Denn, wenn einen das „Wilde“ zu sehr hinaustreibt, und sich dort seines Protagonisten bemächtigt, dann endet es oft tödlich. Es ist wichtig, wild zu sein – aber gleichermaßen ist es wichtig, den Überblick zu behalten, und das Maß. Auch hierbei kann ein Tattoo helfen: daran zu erinnern, dass es nichts Schöneres gibt als zu fliegen, aber bitte nicht so hoch hinaus, dass einen die Sonne verbrennt.

 

 

Die wilde Hilde

Auch die Nackten vom Porno, mit all ihren Tattoos, huldigen dem wilden Leben. Wenn sie sich und ihre Körper als Körperobjekte definieren, oft mit Tattoos ge(kenn)zeichnet. Und wenn sie sich mit all ihren Sinnen ganz der Lust und ihren Geschlechtspartnern überlassen. Das ist und bleibt wild. Allerdings sollte man sich dieser Selbsthin- und -aufgabe stets bewusst sein. So dass die Selbstverdinglichung stets eine freie Entscheidung bleibt und ein Lustgewinn; kurz: dass man die Freiheit, die man sich gewährt, genießt, und ihr nicht zum Opfer fällt.

Die Deutsche „Tattoos & More“-Darstellerin Anuskatzz bringt das auf dem Punkt. Für ihre Ganzkörpertätowierungen und ihre Pornofilme braucht man Mut und Selbstbewusstsein. Sie sind großartige Artefakte für ein lustvolles, erfolgreiches Leben. Sie steht zu ihrem Körper und sich selbst.

Freiheit meint, dass ich auch in meinen Schwächen und Stärken vor allen anderen Menschen einstehe. Auch wenn ich Objekt sein will. „Submissive“ kann auch die Stärke von Freiheit sein. Aber wie weit man geht muss stets im Griff und in der Tätowiernadel bleiben.

Auf geht’s

Zum Schluss noch ein paar philosophische Worte. Es ist, wie Sartre es sagt: Ich kann mich nie ganz den Blicken der anderen Menschen entziehen. Ständig befinde ich mich auf der Bühne, vor den Blicken meiner Zuschauer. Wenn dies mir Angst macht, bleibe ich stehen und gebe ihnen, was sie sehen wollen. Oder aber ich finde den Mut zur Freiheit: ich präsentiere mich, wie ich bin, wie ich leben will, und ohne Kompromisse. Das kann ich in meinen Tattoos ausdrücken, oder anders. Ich entscheide mich für das wilde Leben. In der Reihe „Wild Life – Wild Ride“ geht es um Rock’n’Roll, um wilde Erfahrungen, um aufgestoßene Türen: „the doors of perception“.

Der Mensch ist ein Erfahrungstier, sagte Foucault einmal, mit vielen Facetten und Möglichkeiten, nie gänzlich zu identifizieren. Darin besteht die Freiheit des Ichs, und damit seine ureigene

 

Wildheit.

 

(by Julian Bachmann und Jonas Bachmann)