Interview mit Hanes

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Was war dein erstes Tattoo?

Hanes: Das Spinnennetz am Ellenbogen

Erstes Tattoo

Hat das weh getan? Ich habe gehört der Ellenbogen ist echt ätzend.

Hanes: Also, um es im Vornherein zu sagen, es tut immer weh. Man kann manchmal von einem angenehmen Schmerz sprechen. Oberarm, Oberschenkel, Vorderseite jedenfalls, das sind so Sachen, da ist es relativ entspannt und Ellenbogen, also ich fand es nicht so doll. Viele sagen, dass es halt auf dem Ellenbogen direkt sehr weh tut. Bei mir war’s anders, da waren es eher die Seiten und die Armbeuge dann später. Ich sag’s mal so, Stellen, die sich bewegen tun halt Schweine weh. Da ist das Stechen zwar meistens gar nicht so schlimm, aber der Heilungsprozess ist manchmal so zum Kotzen. 

Hast du ein Lieblings Tattoo?

Hanes: Eigentlich nicht, das bin alles ich.

Vor welchem Tattoo hattest du am meisten Angst?

Hanes: Angst hatte ich nie, aufgeregt ist man immer, auch nach 20 Jahren, aber Angst. Eher Respekt, Rippe, Rippenbogen, davor hatte ich Respekt von vornherein, weil ich den Bauch zuerst hatte und der war sehr unangenehm. Trotz Salben war es schlimm, aber das gehört dazu, aber beim Bein, also das ganz schwarz machen, da nehme ich immer Betäubungssalbe, das ist mir zu heavy. Ich geh seit 20 Jahren tätowieren und irgendwann reicht’s auch mal.

Blackwork am Bein

Wusstest du von Anfang an, dass du voll tätowiert sein willst?

Hanes: Ja. Man muss auch sagen früher war es noch nicht so wie heute, so 90er/00er war das alles noch so ein bisschen mehr Underground, also bis auf diese Hype-Tattoos, so wie das Arschgeweih. Und dann wurde es Mainstream. Ich habe es damals mit 14 bei den Böhsen Onkelz gesehen und dann war es für mich passiert und ich wusste genau, das ist meins und das wird so kommen.

Hast du das Gefühl, dass Menschen dich anders behandeln aufgrund deiner Tattoos?

Hanes: Sie sind schon eingeschüchtert beim ersten Blick. Was heißt anders, sie sind oft vorsichtiger, aber jetzt nicht unbedingt immer auf der negativen Basis. Manchmal sind sie interessiert, was dann vielleicht auch erst später kommt. Ich habe aber auch eine sehr offensive Art, also ich geh auf die Leute zu, ich lass denen auch manchmal gar nicht die Zeit, so dass sie sich auf mich einlassen müssen. Es ist sehr viel toleranter geworden als früher. So vor 10 Jahren haben die Leute noch die Straßenseite gewechselt. Man wird schon anders angeguckt, das ist nicht unbedingt gewollt, weil mir ist das echt egal. Ich mach das ja für mich.

Hat es weh getan die Augen tätowieren zu lassen?

Hanes: *lacht* Ich wusste, dass diese Frage kommen würde. Nein hat es tatsächlich nicht, also man muss jetzt auch dazu sagen, das ist ja in dem Sinne kein tätowieren. Es ist ein Spritzen und wir haben Betäubungstropen, speziell für die Augen, die man eigentlich nicht bräuchte, weil man im Auge, so habe ich mir das mal erklären lassen, keine Schmerzrezeptoren hat. Man sticht ja auch nicht ins Auge, da ist ja die Hornhaut und die Farbe lagert sich darunter ab. Es würde brennen und alles, was man machen kann, um sich abzulenken ist wichtig, damit man das Auge nicht bewegt, weil in dem Moment, wo du die Nadel im Auge stecken hast, wär das nicht geil. Das einzige danach war, dass es so für ein bis zwei Tage, wenn ich das Auge zugemacht habe, hat es sich angefühlt, als würde ich mit Sandpapier drüber gehen, also ein bisschen rau. Man darf auch nicht vergessen, das sind ja, bei mir 17 Einstiche pro Auge und das verletzt es auch und verletzte Haut ist vom Grundprinzip wahrscheinlich das Gleiche. Das Stechen an sich tut nicht weh, das ist wirklich larifari.

Augentattoo

War es schwierig die Augen offen zu halten? Man würde sie ja automatisch schließen.

Hanes: Einer hält es auf, der andere spritzt und man muss immer in die entgegengesetzte Richtung schauen. Man liegt da auf der Liege und der sagt einem welchen Punkt an der Decke man fixieren muss und nach jedem Spritzer wird das Auge sauber gemacht. Es geht auch relativ schnell, bei mir ungefähr 20 Minuten gedauert. Alle meine Freunde hatten mehr Angst als ich, aber kurz vorher in der S-Bahn hatte ich einen kurzen Moment, in dem ich mir dacht: „Machst du das jetzt wirklich?“. Ich habe auch erst ein Auge gemacht und ein Jahr später das zweite, aber das war auch eine Geld Frage, 400€ pro Auge damals. Und wenn bei dem einen was schief geht, kann ich wenigstens mit dem anderen noch was sehen. 

Haben deine Tattoos alle eine Bedeutung?

Hanes: Teilweise klar, also grade Band Tattoos natürlich, die Skinhead Schriftzüge, Punk. Beispielsweise auch die Runen und nordischen Zeichen, ich bin ein Heide. Ich muss noch dazu sagen: Nordische Symbole und Skinheads werden immer gern in die rechte Ecke gedrängt, aber damit habe ich nichts zu tun. Ich bin kein Nazi, ich bin auch kein Rassist, ich find es schade, dass man das immer dazu sagen muss, wenn man sagt, dass man Skinhead ist, aber wer sich damit ein bisschen beschäftigt, der wird das auch wissen. Ansonsten für meinen Opa, für meinen Onkel, für die beiden gibt’s jeweils ein Tattoo. Als die gestorben sind, die waren sehr wichtig für mich und ansonsten sind das einfach Sachen, die mir gefallen.

Rücken

Der Rest ist für dich dann eher Körperschmuck?

Hanes: Was heißt Körperschmuck. Für mich ist Tätowieren ein Lebensgefühl, meine Lebensgeschichte und Tagebuch. Mit Schmuck hat das für mich eigentlich nicht viel zu tun. Das ist so wenn ich mir jetzt auch so manche Tätowierungen anschaue, was da so möglich ist, im Gegensatz zu früher, das hat für mich nichts mehr mit Tattoos zu tun. Das sind Kunstwerke, ich find das auch wahnsinnig toll, aber ich mag eher das traditionelle, also das alte. Das ist mehr meins und ich will aber die anderen Arbeiten überhaupt nicht schmälern, ich find das wirklich wahnsinnig faszinierend und hab da einen heiden Respekt vor, was die da raushauen, aber das ist für mich zu viel. Dieser Ursprung geht für mich ein bisschen verloren.

Was war dein Gedankengang hinter deinen Sleeves? Hattest du von Anfang an ein Konzept oder haben die sich einfach entwickelt?

Hanes: Ich bin kein Fan von Konzept Tattoos, das ist auch eine Modeerscheinung der letzten Jahre, also nein das gab’s nicht. Das war immer das, was ich wollte, wenn ich es wollte, dahin wo ich es wollte, und von Sleeves kann man bei mir eigentlich nicht sprechen, also ja der eine Arm ist ein Sleeve geworden tatsächlich und jetzt mit dem Blackwork am Bein. Ich find das auch toll so gerade in diesem japanischen Style, wo der ganze Körper ein Sleeve ist. Allein die Arbeit, die man sich damit macht und auch das Durchhaltevermögen, davor zieh ich den Hut. Ich könnte auch schon komplett voll sein, aber darauf habe ich einfach keinen Bock. Ich werde nächstes Jahr 40 und ich will auch mit 50 noch zum Tätowieren gehen, ich möchte da nicht fertig sein, weil noch leb ich. Ich bin mit dem Tätowieren fertig, wenn ich tot bin und bis dahin will ich aber immer noch die Möglichkeit haben, mir aus der jeweiligen Lebensepoche was unter die Haut stechen zu lassen und halt nicht zu sagen, die eine Seite ist das und die andere das. 

rechter Arm
linker Arm

Und was machst du, wenn dir der Platz ausgeht?

Hanes: Dann fang ich von vorne an. Obwohl ich mir eigentlich nichts übertätowieren lassen würde. Es gibt Sachen, die ich mir heute so nicht mehr stechen lassen würde, aber es gehört zu mir und Punkt.

Gibt es ein Tattoo, das du richtig bereust, auch wenn du es dir nicht covern lässt?

Hanes: Nein, kein einziges.

Du meintest ja, dass es für dich wie ein Tagebuch funktioniert. Wie kann man sich das vorstellen?

Hanes: Es gibt ja bestimmte Lebensphasen, die jeder durchmacht und da geht’s gar nicht unbedingt darum, dass man sich ein bestimmtes Ereignis tätowieren lässt. Da geht’s eher darum, dass man durch ein Tattoo, das man hat an eine bestimmte Zeit erinnert wird. Sei’s Konzerte, Freunde, Schlägereien, an Scheiße, an Freude, an Leid, an Glück so eher, also nicht bildlich gesprochen, dass ich jetzt sage, okay das ist ein Motiv, außer vielleicht das für meinen Opa oder meinen Onkel, klar das sind Sachen, die erinnern mich an bestimmte Ereignisse, das sind aber auch die einzigen. Und ansonsten ist das eher so zu sehen, ich sehe ein Tattoo und assoziiere damit gewisse Zeiten.

Fallen dir deine Tattoos selbst noch auf oder ist das einfach schon so ein richtiger Teil von dir?

Hanes: Neue Sachen fallen mir in dem Sinne auf, dass ich’s eincremen muss und wenn sie verheilt sind, dann gehört es zum Großen und Ganzen. Gehört einfach alles zum Fluss und Werdegang. Ich weiß nicht wie’s bei anderen ist. Neue Sachen, klar freust du dich drüber und es ist ja auch immer als hätte man eine neue Seite geschrieben und dann geht’s auch schon weiter. Das ist das Leben. Meine Eltern haben immer gesagt, je älter du wirst, desto schneller rennt die Zeit und früher hat man drüber gelacht, jetzt denk ich mir: „Scheiße, da hatten sie wieder Recht, die Alten.“ Ich fühl mich auch noch nicht wie 40, eher Stand 30, früher hat man sich das immer viel schlimmer vorgestellt. Ich kann mich auch an sehr viel erinnern, aber das liegt wahrscheinlich auch daran *zeigt auf Tattoos*. Manchmal geht es einem schlecht und dann schaut man auf irgendeine Körperstelle und da ist ein Bild und *schnipst* schöne Erinnerungen.

Hast du einen Rat an jemanden, der gerade erst mit dem Tätowieren anfängt?

Hanes: Es tut weh. Bis auf ein paar Pflegetipps oder sowas, ich glaube den Weg muss jeder selbst gehen. Das ist schwer, das Einzige, was ich sagen kann, beim ersten Tattoo sollte man sich nicht zu lange Gedanken machen, weil sonst machst du’s nicht. Bei manchen Tattoo Studios, die Jahre im Voraus ausgebucht sind, find ich fragwürdig. Klar durch den Hype ist das so und ich gönne auch jedem seinen Erfolg, aber für jemanden, der sich sein erstes Tattoo stechen lassen will, vielleicht nicht das Beste. Deswegen klar das erste Tattoo ist manchmal scheiße, weil du dir Jahre später denkst, fuck, warum habe ich das gemacht, aber letzten Endes ist es die eigene Geschichte. Früher wurde ich auch gefragt: „Und was machst du, wenn du alt bist?“ Naja, dann ist die Haut schrumpelig, aber wenigstens bunt.

Letzte Frage: Hast du schon Pläne für das nächste?

Hanes: Ja tatsächlich viel, hab leider nicht mehr den Platz, den ich gerne hätte. Erstmal das Bein schwarz kriegen komplett, der obere Teil fehlt jetzt noch und dann die ganzen Lücken Vorderseite Oberkörper ausfüllen und dann irgendwann beim Rücken will ich noch ein bisschen was haben und dann wird’s sehr schwierig, weil dann gehen nur noch kleine Sachen. Also Gesicht ist noch mehr geplant, das wollt ich eigentlich gestern noch machen, aber hat dann nicht geklappt. Ich denk da aber auch nicht länger drüber nach, meistens habe ich einfach eine Idee und dann mach ich das. Klar das mit dem Blackwork ist so ein Dong, aber während dessen kann man ja so viele andere Sachen machen.

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