KINKY GALORE by Jan Ehret

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Kunst, Fetisch und Tattoos?

Fast wie früher und doch ganz anders: Die Zeit nach Corona knüpft zwar wieder an alte Freiheiten an, es fühlt sich aber anders an – die Leute um einem herum sind jedenfalls erstaunlich empathischer. In den Post-Corona-Tagen ist man froh, wieder gemeinsam Party machen zu können. Das gilt auch für Fetisch-Parties. Hedonismus und Glamour kommen zurück – aber mit speziell künstlerischer und menschlicher Note. Klar, die krisenerschütterte Gegenwart ist im Alltag der Leute angekommen, aber gerade deswegen ist es wichtig, auch für Lebensfreude, Sex und Stil einzustehen. Dem Pessimismus zu trotzen.

Neulich auf der Kinky Galore-Party in München gab es solche Momente. Sie erinnerten an alte, wilde Zeiten, die im Gegensatz zu früher, aber erstaunlich liebevoll und unanstrengend wirkten.

Jan Ehret, der die Party-Reihe „Kinky Galore“ veranstaltet, hat die frivole Feier in ein magisches buntes Miteinander verwandelt, auf der sich jeder sich geben kann, wie er will: lasziv tanzend, oder in lustvollem Sex, zweisam, dreisam und was es sonst noch alles gibt. Aber auch das gemeinsame Pläuschen, bei Sekt, Champagner und Selters, das Sehen und Gesehen werden, ist wichtig auf solch einer Party.

Die typischen Fetisch-Leute, die ausschließlich auf die Erfüllung ihrer privaten Geheimnisse aus sind, gibt es zwar auch. An diesem Abend ist das Abenteuer einer frivolen, schrägen und lustvollen Gemeinschaft wichtiger. Alles ist möglich, sofern es für alle passt. More Kinky, statt Fetisch: Immer dann, wenn die verschiedenen Fetische ihr leichtes Moment behalten, sind sie stylish und zwanglos.

So macht auch Jan Ehret den Unterschied:

„Kinky sein, heißt Sex leichter zu nehmen, nicht schwerer. Oft hat das ganze Bdsm-mäßige auch einen düsteren, brutalen Touch, der gar nicht sein müsste. ” Auch BDSM kann Spass machen.

Schließlich dient alles der Lebens-Lust. Und das merkt man auf „Kinky Galore“: „Rauchen verboten, ficken erlaubt“, steht da auf einem Schild, und die Leute scheinen sich daran zu halten. Kinky Galore ist eine sexpositive Party. Sexpositiv heißt, dass ich mit mir und meinen Wünschen im Reinen bin. Ich kann selbstbewusst sagen, was ich mir wünsche, und bestenfalls einen Gegenüber finden, der genauso tickt und … wie ich. Dann kann es krachen, ficken, knutschen: es wird Liebe gemacht. Das ist hippiemäßig, aber auch so viel mehr. Denn „sexpositiv“ erlaubt mir auch Rollen einzunehmen, die für die „reine“ Liebe zu extrem wirken: Wenn die Leute ihre devote oder dominante Seite ausleben, als Role-Play. Und das darf hier auch sein, klar.

Und so lässt es sich erstaunlich gut aushalten zwischen all den Paaren und Paarungen. Wenn all das Schwere vom Sex weg ist, kann die Party steigen. Auch das ist für Jan Ehret ein wichtiges Merkmal für eine gute Kink-Party. „Gemeinsam feiern wir mit Leuten, die ähnlich freigeistig sind, wie man selbst”, sagt Jan Ehret. “Wir selektieren zwar auch, aber niemals nach Kategorien wie schön oder nicht schön.” Es kommt auf das Mindset an, ob jemand zur freigeistigen Community passt oder nicht.

Gerade diese bewusste positive Haltung zu seinem Körper, die hier gelebt und ausgelebt wird, ist eine gute Lebenseinstellung. Wie oft schämt man sich für etwas, das nicht dem Heidi Klumschen- Einheitslook entspricht. Manchmal findet man etwas an sich zu groß oder zu klein, und immer die Frage: was denken wohl die anderen Leute darüber. Von solchen Vorurteilen seinem Körper gegenüber wollen wir uns frei machen.

Auch beim Tätowieren findet Jan Ehret eine solche Freiheit und Freizügigkeit. „Es ist mein Körper, und ich kann ihn gestalten wie ich es für gut und richtig halte.“ Jan Ehret war ein guter Freund des Berliner Photograph Oliver Rath. Dieser hat die Berliner Boheme mit all ihren Tattoos, ihrer Wildheit und ihrer Freigeistigkeit, auf tollen Fotos festgehalten. Auch Jan hat einige Tattoos.

“Jedes Tattoo steht für Selbstbewusstsein und Individualität”. Unsere Tattoos haben Charakter, und hinter jedem ist ein Sinn verborgen. Wir zeigen uns, wie wir sind, mit unserer Lebensgeschichte, die oft durch unsere Tattoos auf dem Körper verewigt ist. “Am besten alles spielerisch.”

So hat das Tattoo seiner Tochter auch eine spielerische, aber auch eine sehr bedeutungsvolle Ebene, die von der Verbundenheit zweier Menschen zeugt:

Zurück zur Kinky Galore: Hier auf der Party tanzen Menschen, die mit sich im Reinen sind. So sollte es auch im normalen Leben sein. Wenn man nicht tanzt, sondern arbeitet und sich im Alltag befindet. Gerade wenn man erfahren hat, wie schnell sich Welt verändern kann, ein Virus irgendwo auf der Welt alles zum erliegen bringen kann, wird man dankbar für tolle und aufregende Momente. Und die Akzeptanz von Leuten, die mich, mein individuelles Aussehen und meine Bedürfnisse respektieren und mich nicht dissen. Diesen Respekt und Achtsamkeit würde man sich in Zukunft zwischen allen Menschen wünschen, seien sie LGBTQ, LGBTQ+, Normalo oder sonst wie.

Text: Julian Bachmann

Grafik: Jonas Bachmann

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