Es kommt tatsächlich nicht auf die Größe, sondern auf die Technik an.

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Kolumne von Dirk-Boris Rödel

Ein Thema, das bislang immer wieder in meinen Texten aufgetaucht ist und auch in Zukunft immer wieder auftauchen wird, ist die Beurteilung von Tattoos beziehungsweise das Trainieren der Fähigkeit, Tattoos zu beurteilen.

Dafür finde ich es immer wieder interessant und erhellend, auf Facebook und Instagram in die Kommentare unter verschiedensten Tattoo-Posts zu schauen, insbesondere in Kommentare unter durchschnittlichen bis schlechten Tattoos.

Denn nur sehr selten findet man Kommentare, die das Kind beim Namen nennen und in denen klipp und klar gesagt wird, dass die abgebildete Tätowierung misslungen ist. Erstaunlicherweise findet man ganz im Gegenteil auch unter wirklich schlechten Tattoos oft lobende und positive Kommentare.

Und da ergibt sich ein Muster, denn die Kommentare fallen umso positiver aus, 1.) je größer ein Tattoo ist und 2.) je cooler das Motiv ist, unabhängig von der technischen Ausführung des Tattoos. Im Klartext: Ein komplettes Rücken-Tattoo oder ein Bud-Spencer-Porträt wird immer viele positive Kommentare bekommen, selbst wenn diese Tattoos richtig schlecht gestochen sind. Denn viele Tattoo-Fans beurteilen eine Tätowierung eher nach der Größe oder nach dem Motiv als nach der künstlerisch-technischen Ausführung.

Ich hab mich lange gefragt, wie es sein kann, dass selbst offensichtliche Schrott-Tätowierungen noch positive Bewertungen erhalten, solange sie eins dieser Kriterien erfüllen. Ich denke, es liegt daran, dass in diesen Fällen vor der Bewertung der handwerklichen Arbeit eines Tattoos, die ja unter Umständen etwas Zeit und Arbeit erfordert,  jeweils andere Informationen zuerst im Hirn ankommen. Und diese Informationen verzerren dann die Wahrnehmung des gesamten Tattoos.

Im Falle eines Rückentattoos ist es eben die schiere Größe, die sofort und unmittelbar beeindruckt; ein komplett zutätowierter Rücken, das ist einfach schon mal eine krasse Leistung, das macht Eindruck. Man kann den Aufwand und das Commitment des Kunden sofort nachvollziehen und gibt dem Werk allein schon für die enorme Arbeit entsprechend Credit.

Beim Bud-Spencer-Porträt (oder Lemmy, Chester Bennington usw.) ist es die dargestellte Figur, die mit den positiven Kommentaren eigentlich gemeint ist; Bud Spencer, Lemmy oder Chester Bennington sind einfach tolle Typen, die unmittelbar sympathisch sind und für positive Vibes sorgen, und wer sich ihre Porträts stechen lässt, ist einfach eine coole Socke!

Aber: bei der Beurteilung eines Tattoos muss es immer zuallererst um die technisch-handwerkliche Qualität gehen – alles andere ist zweitrangig. Natürlich ist es eine Leistung, sich den kompletten Rücken tätowieren zu lassen – aber was bringt einem das, wenn dann eben der ganze Rücken versaut ist, weil der Tätowierer mit so einer Arbeit völlig überfordert war? Natürlich ist Bud Spencer eine coole Sau, aber auch sein Porträt kann von einem Pfuscher völlig verhunzt werden. Ähnlich verhält es sich, wenn sich jemand Porträts der Eltern oder Großeltern tätowieren lässt und das in die Hose geht; kaum jemand wird sich dann trauen, klar und deutlich zu sagen, dass das Tattoo miserabel ist, wenn die Intention, es sich stechen zu lassen, eben sehr emotional motiviert war. Aber ein schlechtes Tattoo ist auch dann noch ein schlechtes Tattoo, wenn man es sich mit den besten Absichten hat tätowieren lassen.

Also; verwechselt nie die Größe, das Motiv oder auch die Körperstelle (bei Frauen werden Tattoos gern unabhängig von ihrer Qualität umso positiver beurteilt, je näher sie sich an Po oder Brüsten befinden) mit der technisch-handwerklichen Ausführung einer Tätowierung. Es gibt Rückentattoos in den Ausführungen von Vollschrott bis Weltklasse, es gibt Bud-Spencer-Tattoos in der Qualität von Kindergarten-Gekrakel bis Fotorealismus. Und wenn ihr da die Wahl habt, dann entscheidet euch doch lieber für die Profi-Ausführung.

Es ist nicht die Größe, es ist nicht das Motiv auf das es ankommt, es ist immer zuallererst die handwerkliche Qualität.

Text: Dirk-Boris Rödel

Grafik: Jonas Bachmann

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