Go big or go home

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Go big or go home • Kolumne

Von Tattoos geht unbestreitbar eine große Faszination aus, und in besonderem Maße gilt das für großformatige Tattoos; für solche Tätowierungen, die einen kompletten Arm, den ganzen Rücken oder sogar vom Hals bis zu den Knöcheln den gesamten Körper bedecken. Große Hautflächen, über die sich Drachen und andere mythische Kreaturen schlängeln, schwarze Ornamente, die sich im Einklang mit Muskeln, Sehnen und Gelenken an den Körper schmiegen, ganze Fantasy-Landschaften oder biomechanische Fraktale, die eine organisch-künstlerische zweite Haut bilden; der Faszination eines kunstvollen, großen Tattoos kann sich kaum jemand entziehen.

Doch viele, die sich Beispiele solcher Tattoos auf Instagram, Facebook oder in Bildbänden anschauen, von diesen Kunstwerken fasziniert sind und auch gerne so ein Tattoo aus einem Guss hätten, das sich komplett über beide Arme, über den Rücken oder das gesamte Bein erstreckt, machen im nächsten Schritt einen großen Fehler, insbesondere wenn sie bislang noch völlig umtätowiert sind; sie wollen »erst mal mit etwas Kleinem anfangen« und das mit dem Tätowieren mit einem kleineren Hautbild »erst mal ausprobieren.«

Das ist aber völliger Quatsch. Das geht nicht, es funktioniert nicht. Stell dir vor, du hättest so richtig Lust auf ein riesiges Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Aber du denkst, naja, das ist schon ganz schön groß… Würdest du dann auf die Idee kommen, lieber erst mal einen Zuckerwürfel und eine Kirsche zu essen? Natürlich nicht! Wofür sollte das auch gut sein? Es ist ja nicht das, was du willst. Du willst die Torte!

Wenn jemand von einer Harley träumt, kauft er sich nicht vorher ein Elektro-Fahrrad um »mit was Kleinerem anzufangen« und wer von einer Weltreise träumt, geht nicht »zum Ausprobieren« vorher in den Zoo oder in den Stadtpark – das, was man eigentlich will, hat ja damit nichts zu tun, es bringt einen dem eigenen Ziel ja auch nicht näher!

Mit großen Tattoos ist es dasselbe. Die Aura, die von einem großen Tattoo ausgeht, das große Hautflächen bedeckt, diese Symbiose aus Farbe und Haut, dieses organische Bild, das sich mit dem Träger bewegt und beinahe lebendig erscheint – das ist etwas komplett anderes als ein Violinschlüssel hinterm Ohr oder eine kleine Rose am Knöchel. Es hilft dem, der eigentlich ein wirklich großes Teil haben möchte, kein bisschen weiter. Im günstigsten Fall hat man damit nur etwas Geld verschwendet für etwas, was man eigentlich gar nicht haben wollte, im blödesten Fall hat man sich durch ein kleineres Tattoo den Platz für ein größeres verbaut und muss es später aufwendig weglasern oder covern.

Klar, der Unterschied zwischen einer Tätowierung auf der einen Seite und Torte, Harley oder Weltreise auf der anderen Seite ist natürlich, dass das Tattoo eine Entscheidung für immer ist. Aber auch unter diesem Blickwinkel hilft einem »das kleine Tattoo zum Einstieg« ja nicht weiter. Die Faszination und der Wunsch nach einer wirklich großen Tätowierung wird sich durch so ein kleines Teil nicht verändern.

Ich hab in den dreieinhalb Jahrzehnten, die ich mich nun schon in der Tattoo-Szene bewege, immer wieder Menschen getroffen, die diesen Schritt von Null auf hundert gegangen sind und die von »völlig untätowiert« die Entscheidung zu einem kompletten Ganzkörper-Tattoo getroffen und das auch durchgezogen haben. Das ist natürlich sehr mutig und es hat mir immer großen Respekt abgenötigt. Aber in keinem einzigen Fall habe ich jemals von jemandem gehört, der diese Entscheidung bereut hat. Das einzige, was aber viele bereut haben, war, dass sie es 1. nicht schon früher durchgezogen haben und sich 2. vorher mit kleinen Pillepalle-Tattoos aufgehalten haben, anstatt gleich von Anfang an das große Projekt anzugehen, von dem sie von Anfang an geträumt haben.

Text: Dirk-Boris Rödel

Grafik: Jonas Bachmann

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