Kolumne: Tattoo-Planung

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Tattoo-Planung; warum der Stil wichtiger ist als das Motiv

Kolumne von Dirk-Boris Rödel

Aufgrund meiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit Tattoos kommt es ziemlich oft vor, dass ich im Freundes- und Bekanntenkreis um Empfehlungen bei der Suche nach einem guten Tattoo-Shop gebeten werde.

Wenn jemand mich aber nun fragt, ob ich ihm / ihr denn einen guten Tätowierer empfehlen könnte, antworte ich normalerweise; Nein, kann ich leider nicht.  Meistens schauen die Fragenden dann etwas verdutzt, bevor ich erkläre, dass ich für eine konkrete Empfehlung eines Studios ja erst mal wissen muss, was der / die Fragende sich denn eigentlich tätowieren lassen möchte. Denn je nachdem, ob das geplante Tattoo ein realistisches Porträt des Großvaters, ein Schriftzug, ein maritimes Oldschool-Motiv wie zum Beispiel ein Dreimaster, ein japanischer Drache oder ein polynesisches Tribal-Tattoo sein soll, würde ich den Fragenden zu fünf völlig unterschiedlichen Studios schicken. Denn für jeden dieser Stile gibt es ausgewiesene Experten, die sich beispielsweise auf Realistik-Tattoos spezialisiert haben, sich aber mit polynesisch-ornamentalen Designs überhaupt nicht auskennen.

Nachdem ich das erklärt habe, antwortet der Betreffende dann also möglicherweise, dass er sich gerne einen Tiger tätowieren lassen würde. Gut, sage ich dann, damit haben wir das Motiv; aber in welchem Stil möchtest du dir den Tiger tätowieren lassen? Fotorealistisch? In Black & Grey oder als Farb-Realistic? Oder im japanischen Stil? Als Oldschool-Traditional-Tattoo mit fetten Outlines und satten, flächigen Farben? Oder im Neotraditional-Stil, oder mehr Comic-mäßig, vielleicht in Richtung Anime / Manga?

Spätestens an diesem Punkt bereuen es die meisten, dass sie mich überhaupt gefragt haben, da das Ganze erheblich komplizierter zu werden droht, als sie gedacht hatten. Und ja, ein Tattoo so zu planen, dass man das bestmögliche Ergebnis erzielt, ist mit Recherche und Arbeit verbunden, aber das sollte es einem wert sein für ein Bild, das man ein Leben lang auf der Haut tragen wird.

Aber so entsetzlich aufwendig ist es ja gar nicht; das wichtigste bei der Planung eines Tattoos ist, dass man zuerst mal weiß, welcher Stil einem gefällt, danach sucht man sich dann einen Tätowierer, der diesen Stil beherrscht und bespricht dann mit diesem das Motiv.

Also; erst Stil, dann Motiv, oder anders erklärt; man sucht nicht nach einem Tätowierer, der einen Tiger tätowieren kann – denn das kann praktisch jeder Tätowierer auf seine Art und Weise – sondern man sucht beispielsweise nach einem Spezialisten für Realistic-Tattoos oder für asiatische Tattoos, je nachdem, welcher Stil einen anspricht, und lässt sich dann von diesem einen Tiger oder ein beliebiges anderes Motiv im realistischen oder im asiatischen Stil tätowieren.

Auch hier kann man natürlich die Recherche und die Suchergebnisse nahezu unendlich weiter aufdröseln und verfeinern; so wird man beispielsweise im asiatischen Stil Tattoo-Spezialisten finden, die sich möglichst exakt an den traditionell japanischen Stil halten (wobei es, genau genommen, auch wiederum in Japan unterschiedliche traditionelle Tattoo-Stile gibt) und solche, die den asiatischen Stil mit neotraditionellen Einflüssen kombinieren und bei den Realismus-Experten gibt es abgesehen von der Fraktion der Black & Grey-Tätowierer und jener der Farbrealismus-Spezialisten auch noch solche, die strikt fotorealistisch arbeiten und jene, die Realistic mit anderen Stilen wie Graffiti kombinieren …

Kurz gesagt; wenn man es ganz genau nimmt, dann kann man die Suche nach dem perfekten Tätowierer ins Unendliche treiben. Auch wenn es oft nach einiger Recherche, beispielsweise über Instagram, relativ rasch bei dem einen oder anderen Studio einfach »Klick« macht und man merkt, dass man den Richtigen gefunden hat.

Aber: ein bisschen Vorarbeit ist auf jeden Fall notwendig und von der Idee, dass sich die Suche nach dem perfekten Tätowierer auf eine Frage verkürzen lässt, sollte man sich definitiv verabschieden.

Dirk-Boris Rödel‘s TATTOO KOLUMNE

Text: Dirk-Boris Rödel

Grafik: Jonas Bachmann

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