Motivklau? Nein Danke!

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Kolumne • von Dirk-Boris Rödel

»Der erste, der „Schmerz“ auf „Herz“ gereimt hat, war ein Genie – der zweite war ein Vollidiot.« – das ist einer meiner Lieblingssprüche, und gerade in der Tattooszene kann man ihn leider nahezu beliebig oft anwenden. Wie oft sieht man neue, geniale, witzige, kreative Tattoos – und kurz darauf irgendwelche Vollpfosten, die sich einfach banale Kopien ebendieser Tätowierungen haben stechen lassen.

Ich weiß da oft gar nicht, worüber ich mich zuerst aufregen soll; über den unverschämten Ideenklau, über die Dreistigkeit, sich einfach ungefragt und hemmungslos an den Ideen anderer zu bedienen? Darüber, dass ein Bild, das für den ursprünglichen Träger unter Umständen eine besondere Bedeutung hatte, von sämtlichen Nachahmern, die keine Ahnung von dieser Bedeutung haben, entwertet wird? Rege ich mich darüber auf, dass Kunden auf die Möglichkeit verzichten, für sich selbst ein individuelles Unikat bei einem Top-Tätowierer in Auftrag zu geben und stattdessen lieber bis an ihr Lebensende mit der B-Variante eines bereits bestehenden Tattoos rumlaufen? Oder echauffiere ich mich über die ehrlosen Tätowierer, die Schande über ihren Berufsstand bringen, wenn sie wissentlich die Kreationen ihrer Kollegen imitieren?

In der Regel sind kopierte Tattoos übrigens immer schlechter als das Original, und das ist ja auch ganz logisch; denn wirklich gute Tätowierer haben ja bereits einen ausgeprägten, individuellen und attraktiven Tätowierstil entwickelt und haben es nicht nötig, bei Kollegen abzukupfern. Wer sich dazu bereit erklärt, Arbeiten eines Kollegen zu klauen, sagt damit schon indirekt aus, dass er selbst nicht in der Lage ist, etwas qualitativ gleichwertiges zu erschaffen. Zudem haben Kopisten oft auch nur ein Instagram-Bild zur Verfügung, um ein Tattoo zu kopieren, und wissen nicht, wie de ursprüngliche Tätowierer das Motiv angelegt hat, wie er es mit Schattierungen und Farben geplant und angelegt hat, und diese technische Schwäche sieht man praktisch jedem kopiert-geklauten Tattoo an.

Aber das sind technische Feinheiten.

Ich glaub, am meisten fassungslos bei dieser Ideen- und Motivklauerei ist aber dennoch, wie komplett die Kunden, die solche Kopien in Auftrag geben, das Potential von Tattoos missverstanden haben. Wer eine individuelle, nur speziell für ihn entworfene Tätowierung bei einem Top-Tätowierer in Auftrag gibt, der kann damit tatsächlich auch seine eigene Individualität, Besonderheit und Unverwechselbarkeit zum Ausdruck bringen. Genau das macht den Wert und die Bedeutung eines Tattoos aus.

Wer sich aber an den Motiven und Tätowierungen anderer vergreift, wer wissentlich bereits bestehende Tattoos kopiert und nachmacht, der degradiert sich selbst zu einer Kopie.

Macht so was nicht, es ist nicht nur respektlos gegenüber dem Original-Tätowierer und dessen Kunden, es ist auch respektlos gegenüber euch selbst!

Like a thief in the night: Ein Tattoo-Motiv-DiebText: Dirk-Boris Rödel

Grafik: Jonas Bachmann

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