No-Shows: ein echtes Ärgernis für Tattoo-Künstler

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In meiner Schulzeit fand ich Hohlstunden oder Leerstunden immer ganz cool, also wenn unvorhergesehen Unterricht ausfiel weil ein Lehrer krank war und nicht zum Unterricht auftauchte. Rein theoretisch hätte man in der Zeit Hausaufgaben machen sollen oder sich auf die nächste Unterrichtsstunde vorbereiten, aber für mich waren solche unerwarteten Auszeiten immer so was wie kleine Mini-Urlaube und selbstverständlich genoß man diese Zeit am besten mit untätigem Rumgammeln.

Vielleicht fühlt sich der eine oder andere Tätowierer heutzutage auch an solche Leerstunden in der Schule erinnert, wenn das Stencil bereit liegt, der Arbeitsbereich vorbereitet ist, die Farbkäppchen aufgereiht sind und die Maschine und die Nadeln ausgewählt sind – und dann fällt die Session aus, weil keiner erscheint. Nur mit dem Unterschied, dass der Tätowierer sich nicht über den Ausfall freut.

Natürlich gibt es Fälle, in denen ein Kunde einfach krank wird, das ist ja immer mal möglich und kann jedem passieren. In so einem Fall kann der Kunde ja dann auch einfach absagen. Richtig kacke aber sind die Fälle, in denen sich der Kunde einfach nicht meldet, nicht auftaucht, auf Nachrichten, Rückfragen u.ä. nicht mehr reagiert, den Tätowierer als regelrecht ghostet.

So etwas ist kacke! Als Schüler war’s klasse, ein oder zwei Stunden zum rumgammeln zu haben, aber sobald man Ladenmiete und laufende Unkosten zu bezahlen hat, sind solche Leerlauf-Zeiten für Selbstständige alles andere als willkommene Pausen. Zumal diese Unsitte, zum Termin einfach nicht zu erscheinen, immer weiter um sich greift. Früher war so etwas unter Tätowieren kaum bekannt, heute gibt es kaum einen, der nicht oft mehrmals pro Monat allein im Studio hockt und merkt, dass er gerade wieder mal versetzt wurde.

Mag sein, dass dem Kunden in letzter Minute doch noch Zweifel gekommen sind, ob das Motiv das richtige ist oder ob er sich überhaupt tätowieren lassen soll, mag sein, dass es ihm zu peinlich oder unangenehm ist, den Termin kurzfristig abzusagen – aber einfach gar nicht zu erscheinen und dem Tätowierer einen Verdienstausfall von mehreren Stunden zuzumuten ist einfach daneben.

Jeder Tätowierer hat eine Liste mit Stammkunden, die oft zeitlich flexibel sind und gerne einspringen, um an ihrem Backpiece oder einem Sleeve weiter arbeiten zu lassen, wenn jemand abgesagt hat, aber wenn der ursprüngliche Kunde noch nicht mal telefonisch seinen Termin cancelt, hat der Tätowierer noch nicht mal die Chance, jemandem aus dieser Liste die Möglichkeit zu einem Spontan-Termin anzubieten. Wenn der Tattoo-Artist eine halbe Stunde, nachdem eine Session geplant war, langsam merkt, dass schon wieder niemand auftauchen wird, ist es auch für einen Last-Minute-Facebook-Post zu spät.

Ja, mag sein, dass es peinlich und unangenehm ist, einen Termin abzusagen, und vermutlich ist der Tätowierer auch nicht begeistert, aber ihr könnt euch sicher sein, jedem Tätowierer ist eine halbwegs rechtzeitige Absage immer noch zehn mal lieber als doof im Studio rumzusitzen wie bestellt und nicht abgeholt. Und dabei geht’s nicht nur um Höflichkeit und Respekt, wenn sich so etwas häuft, kann das eine oder andere Studio durch solche »No-Shows« auch über kurz oder lang ganz schön in finanzielle Schieflage geraten. Und die paar Euro Anzahlung, die dem Tätowierer dann als Trostpflaster bleiben, können den finanziellen Schaden auch nicht ausgleichen.

Also; dass man seine Meinung ändert, dass man unsicher wird – das ist menschlich. Falls ihr also irgendwo (denn das gilt ja nicht nur für Tattoo-Sessions) einen Termin vereinbart habt, den ihr aus welchen Gründen auch immer nicht mehr wahrnehmen könnt oder wollt – seid fair und sagt rechtzeitig ab. Und wenn ihr nicht zugeben wollt, dass ihr kalte Füße bekommen habt, dann behauptet halt, ihr wärt krank geworden oder was auch immer. Denn selbst wenn ihr flunkert, hat der Tätowierer so zumindest noch die Chance, den Termin an jemand anderen weiter zu geben und muss keine Nullrunde aussitzen.

Text: Dirk-Boris Rödel

Grafik: Jonas Bachmann

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