Reden ist Schweigen, Silber ist Gold: Smalltalk beim Tätowieren?

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Smalltalk beim Tätowieren • KOLUMNE

Als ich noch über eine Anzahl von Haaren verfügte, die den regelmäßigen Besuch beim Friseur halbwegs rechtfertigte, machte ich das immer folgendermaßen; sobald ich aufgerufen worden war, meinen Platz auf dem Frisierstuhl eingenommen und diesen Umhang umgelegt bekommen hatte, schloss ich die Augen und gab vor, zu schlafen. Was ich natürlich nicht tat. Aber ich hatte einfach keine Lust auf Friseur-Smalltalk, ich hatte kein Interesse daran, alle vier Wochen einem Friseur zu erzählen »was ich so mache«, ob oder wo ich im Urlaub war oder welche Meinung ich zu aktuellen weltpolitischen Themen vertrete. Ich wollte einfach meine Haare geschnitten bekommen und ansonsten in Ruhe gelassen werden.

Natürlich bekam ich dabei rechts und links auch immer Kundinnen und Kunden mit, für die – mir unverständlich – der Tratsch mit dem Friseur offensichtlich das wichtigste am Haarschneiden war. Wie geht’s den Kindern, was macht das Rheuma, warum ist die Schillerstraße immer noch nicht verkehrsberuhigte Zone, neulich war wieder Hundekacke auf dem Kinderspielplatz. Keine Themen, die mir die Mühe eines Gesprächs wert gewesen wären, aber für andere Menschen offenbar wichtig. Clint Eastwood hätte dazu in »Zwei glorreiche Halunken« wahrscheinlich lässig, mit angekautem Zigarillo im Mundwinkel, gesagt; »Es gibt zwei Arten von Menschen. Die einen labern gern und die anderen nicht.« In Köln hieße das dann einfach kurz und knackig: »Jeder Jeck ist anders!«

Beim Tätowierer ist es in dieser Hinsicht ja nicht viel anders. Manche Kunden packen sich die Kopfhörer drauf sobald sie auf der Liege Platz genommen haben und sind erst wieder ansprechbar, wenn der Tätowierer zum letzten Mal drüber gewischt hat und dem Kunden mit Gestikulieren klar macht, dass das Tattoo jetzt fertig ist und im Spiegel bewundert werden kann – andere Kunden sind dagegen extrem mitteilungsbedürftig, plappern wie ein Wasserfall, und man kennt bereits deren komplette Familiengeschichte bis zurück zum 30jährigen Krieg, noch bevor das Stencil getrocknet ist. Andere sind wiederum einfach unheimlich neugierig, gerade wenn es vielleicht das erste Tattoo ist, und versuchen, mit dem Tätowierer kommunikativ zu interagieren; »Gehst du da nachher noch mal drüber?« »Hast du da ne Stelle vergessen?« »Malst du das noch aus?« »Wird das noch dunkler?« »Wird das noch heller?« …

Nun besteht aber der Unterschied zwischen Friseur und Tätowierer darin, dass Friseure während ihrer Arbeit unheimlich gern kommunizieren – man könnte manchmal beinahe meinen, Small-Talk sei für das Haar schneidende Gewerbe der wichtigere Teil der Berufsausbildung – und die allermeisten Tätowierer aber eher nicht so. Und da eine Tattoo-Session oft um einiges länger dauert als ein Haarschnitt, kann es bei unterschiedlichen Vorstellungen darüber, ob die Zeit, die ein Tattoo in Anspruch nimmt, am besten mit meditativem Schweigen oder lieber mit ununterbrochenem Gequassel genutzt werden soll, unter Umständen zu gewissen Spannungen zwischen Tätowierer und Kunde führen.

Die Lösung: ein klein wenig Kommunikation zu Beginn der Tattoo-Session kann wahre Wunder bewirken. So könnte der Kunde beispielsweise mitteilen: »Das ist mein erstes Tattoo, stört es dich, wenn ich ab und zu mal was frage?« oder auch »Ich kann am besten mit den Schmerzen umgehen, wenn ich nebenher Musik / Podcasts / Hörbücher höre, ich hoffe, du findest das nicht unhöflich, wenn ich mir Kopfhörer aufsetze« und gleichermaßen steht es natürlich dem Tätowierer frei, vor Beginn der Session zu sagen: »Nix für ungut, aber beim Tätowieren bin ich voll konzentriert und kann mich nicht unterhalten« oder, (zwar unwahrscheinlich aber nicht unmöglich): »Ich finde es immer ganz interessant, zu erfahren, warum sich jemand dies oder das tätowieren lässt und unterhalte mich ganz gern mit meinen Kunden, außerdem lenkt es sie von den Schmerzen ab, ist das ok für dich?«

Schon kurze Absprachen vorab können die Fronten klären und so für einen deutlich entspannteren Ablauf der Session für beide Seiten sorgen.

Es kommt tatsächlich nicht auf die Größe, sondern auf die Technik an.

Text: Dirk-Boris Rödel

Grafik: Jonas Bachmann

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