Tattoos: Anker der Beständigkeit im Snapchat-Zeitalter

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Sicher hatte das Internet den größten Einfluss auf die gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten 25 Jahre. Was als Spielzeug für Computernerds seinen Anfang nahm, wurde bald vielen zugänglich und ist inzwischen für die allermeisten völlig unverzichtbar. Die Veränderungen, die das Internet mit sich brachte, sind enorm; und inzwischen merken auch viele, dass die digitale Bilder- und Datenflut längst nicht nur Vorteile hat.

Das Überangebot an Informationen jeglicher Art überfordert einerseits, andrerseits setzt man den Overkill an Neuigkeiten inzwischen als Standard voraus und schafft es ohnehin kaum, aus dem sich immer schneller drehenden Karussell auszusteigen. Nur wer seine Seiten und Profile ständig füttert und aktualisiert, wird wahrgenommen, aber auch das, was wahrgenommen wird, bleibt in der inzwischen stark verringerten Aufmerksamkeitsspanne des Betrachters nur gerade so lange präsent, bis man es geliked hat und irgendwo das nächste Katzenvideo im Newsfeed aufploppt. Konstanz und Beständigkeit stehen nicht hoch im Kurs im Zeitalter digitaler Medien, die auf kontinuierlichen Wechsel und ständig neue Features ausgelegt sind.

Das ist natürlich alles bekannt und keine bahnbrechende Erkenntnis. Was mich aber in den letzten Jahren zunehmend verwundert: Wie kann es sein, dass dann Tätowierungen in dieser Zeit nach wie vor so beliebt sind, ja sogar ständig weiter Verbreitung erfahren?

Nicht falsch verstehen, ich hab ja nichts dagegen – aber logisch ist es auf den ersten Blick betrachtet ja nicht wirklich, oder? Warum entscheidet man sich für ein Hautbild, das sich ab dem heutigen Tag bis zum letzten Atemzug nicht mehr verändern wird, wenn alles andere in immer kürzeren Takten erneuert und aktualisiert werden muss – sei es das facebook-Profilbild, das Handy oder der Lebensabschnittspartner? Natürlich gibt es die Möglichkeit der Laserentfernung, aber die Befürchtung die vor einigen Jahren die Runde machte, dass sich diese neue Technologie zum High-Tech-Radiergummi entwickeln wird und Tattoos dadurch ebenso kurzlebig würden wie Snapchat-Einträge, hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Tattoos bleiben auch heute noch der dauerhafte, permanente Hautschmuck, der sie schon zur Steinzeit waren. Denn ungeachtet der neuen, modernen Tattoo-Techniken, Farben und Stilrichtungen sind Tattoos immer noch genau das; eine kulturelle Äußerung des Menschen, an der er seit der Steinzeit fest hält, durch alle Zeiten, durch alle Kulturen.

Ist das vielleicht auch schon die Antwort? Sind Tattoos in einer Zeit, in der heute schon alles kalter Kaffee ist, was gestern noch hip und angesagt war, so was wie ein Anker der Verlässlichkeit, an dem man sich festhalten kann, wenn sonstige, als fest erachtete Bezugspunkte in der Timeline des Lebens immer weiter nach unten rutschen? Eine Erinnerung daran, dass es etwas in einem selbst gibt, das perfekt ist, so wie es ist, ohne ständig ein neues Update und Aktualisierungen zu benötigen?

Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Hört sich nett an, ob das aber der Grund ist, ob es überhaupt einen Grund gibt, der universell gültig ist oder ob jeder da seinen eigenen hat – wer bin ich, das zu beurteilen. Aber ne Überlegung ist es schon mal wert, oder? Das hier war jedenfalls meine.

Der Social-Media-Strudeltext: Dirk-Boris Rödel

grafik: Jonas Bachmann

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