Tattoos und Individualität; ein historisches Missverständnis

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Es gibt ja jede Menge Mythen, Märchen, Halbwahrheiten und Fehlannahmen zum Thema Tattoos.

Eine eigentlich historisch unrichtige Annahme zu Tätowierungen ist, dass sie der Hervorhebung der Individualität dienen. Denn geschichtlich betrachtet hatten Tätowierungen beinahe immer den gegenteiligen Zweck; sie sollten die Verbundenheit einer Person zu ihrem Stamm, ihrem Clan oder zu einer besonderen Gruppe zeigen.

Heute gibt es kaum noch indigen lebende Völker, die traditionelle Tätowierungen stechen, aber bis ins 20. Jahrhundert hinein war es bei vielen Naturvölkern üblich, die Stammesangehörigen spätestens zum Eintritt ins Erwachsenenalter mit den traditionellen Mustern des jeweiligen Stammes zu tätowieren.

Das Tattoo drückte die enge Verbindung zum Stamm aus, alle Stammesmitglieder trugen die gleichen oder zumindest ähnliche Muster, die sie klar als zu diesem oder jenem Clan zugehörig auswiesen.

Dasselbe gilt auch für viele historische Völker wie die Pikten, die Skythen oder zahlreiche Stämme der amerikanischen First Nations, und auch bei den Maori Neuseelands kann man dies bis heute beobachten. Auch bei den Yakuza-Clans in Japan hatten Tätowierungen diese Funktion.

Zwar gab es teilweise Unterschiede zwischen Tattoos für Männer und Frauen und anhand bestimmter Designs ließ sich ablesen, ob jemand ein erfolgreicher Jäger oder Krieger war, aber das waren sozusagen nur Zusatzinformationen zu der einen, zentralen Information der Tätowierung, die die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ausdrückte.

Der verbindende Zweck solcher traditionellen Tattoos wird deutlich, wenn man sich klar macht, dass Individualität bei Naturvölkern natürlich überhaupt keine positive oder auch nur wünschenswerte Eigenschaft war; der Einzelgänger und Individualist hatte in solchen Lebenswelten keine Überlebenschance. Nur der Stammesverbund und die Gemeinschaft boten Sicherheit, und Tattoos dienten dazu, diese enge Verbindung für den eigenen wie auch für andere Stammesangehörige sichtbar zu machen.

Erst in der modernen westlichen Welt, in der es solche engen Verbindungen und Zugehörigkeiten zu Stamm oder Clan nicht mehr gibt und in der Individualität und Eigenständigkeit sich mehr und mehr zu positiv besetzten und wünschenswerten Eigenschaften entwickelt haben, hat sich auch der Zweck von Tätowierungen gewandelt: Anstatt die Zugehörigkeit zu einer Gruppe auszudrücken, kann man mit einem Tattoo-Unikat nun seine Individualität und Eigenständigkeit ausdrücken.

Bedauerlich ist aber, dass viele von dieser Möglichkeit nur ungenügend Gebrauch machen; obwohl es heutzutage jede Menge Tätowierkünstler gibt, die für jeden Kunden ein eigenes, nur ein mal vorhandenes Tattoo-Design entwerfen können, geben sich leider viele Kunden immer noch mit relativ abgedroschenen Standard-Motiven wie Unendlichkeits-Schleife, Violinschlüssel hinterm Ohr oder nichtssagenden Sternchen zufrieden. Das ist schade und auch unnötig; selbst wer nur ein kleines Tattoo haben möchte, muss sich ja deswegen nicht mit Dutzendware zufrieden heben; auch kleine Tattoo-Motive kann man individuell und künstlerisch ansprechend gestalten.

Daher: sucht euch einen Tätowierer, der in der Lage ist, euren Tattoo-Wunsch individuell umzusetzen, egal wie groß oder klein. Denn ihr möchtet ja bestimmt nicht, dass man euch schon von der Ferne ansieht, dass ihr zum Stamm der »Ich-such-mir-mein-Tattoomotiv-aus der Krabbelkiste«-Kunden zählt.

Text: Dirk-Boris Rödel

Grafik: Jonas Bachmann

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